
Der Weg:
Nach Süden, von Hamburg über Frankreich, Spanien bis zum Atlantik-Fährhafen - Cadiz.
Entfernung: Exakt 3100 Kilometer.
Das Ziel:
Santa Cruz. Das ist die Insel hauptstadt von Teneriffa, Spanien. Liegt etwa auf der
geographischen Höhe von Casablanca, Afrika.
Das Auto:
Ein VW Polo 16V "Openair". Tiefergelegt mit einem H&R Gewindefahrwerk, breiter gemacht
mit Distanzringsystem von H&R, an der Vorderachse mit 20 Milimeter pro rad, an der
Hinterachse mit 25 Milimeter.
An Bord jede Menge Reisegepäck, Mobil-Telefon und Fax, Kartenmaterial, Laptop,
Kameraausrüstung und zwei Fahrer mit guter Laune.
Der Sinn dieser unsinnigen Reise: Herauszufinden, wie es sich im Zeitalter der Charterfliegerei
anfühlt, wenn das Urlaubsziel auf eigener Achse angesteuert wird. Auf dem Papier ist der
Unterschied zunächst klar. Von Hamburg nach Santa Cruz benötigt die kleinste Boeing von
"Air Europe", die 737 - 500" mit 128 Passagieren an Bord ziemlich genau fünf Stunden.
Ihr Durchschnitts-Reisetempo: 790km/h.
Der Polo 16V mit zwei Personen benötige für die gleiche Strecke exakt fünf Tage:
Dreieinviertel Fahrt-Tage bis an den südlichsten Zipfel Spaniens, dazu eindreiviertel Tage mit
der Fähre über den Atlantik nach Santa Cruz. Differenz: 55 h zugunsten des Fliegers.
Durchschnittliches Reisetempo: 110,7km/h.
Mittwoch, 14 Uhr. Start in Hamburg. Erster Stau im Elbtunnel. Umlufttaste an und Schiebdach
zu. Danach läuft es. Bis zum ersten Tankstop hinter Kassel. Wir erreichen bequem um 21.00
Uhr Mühlheim. Das Restaurant im Gästehaus Bauer hat noch geöffnet. Während der 16-
Ventiler in einer verwunschenen Garage abkühlt, labt sich die Crew bei Hirschgulasch mit
hausgemachten Spätzle.
Deutsch-Französische Grenze: Die Käfige der Grünmützen stehen leer. Frankreichs
Autobahnen kosten zwar deftig, aber mit der Kreditkarte tut's nicht ganz so weh.
Entschädigend ist die geringe Verkehrsdichte und das Tempolimit 130. Wir rollen mit
Tachoanzeige 150 dahin und der Polo begnügt sich mit 8,2 Liter Super Plus. In Germany
haben wir zwischen neun und zehn Litern durch die Einspritzdüsen gejagt. Frankreich hat
heute das Zentrum eines riesigen Tiefdrucks zu verkraften. Wir können streckenweise nur 80
fahren und die Wischerstufe zwei aktivieren - soviel Wasser kommt vom Himmel. Nachmittags
kurz vor der Abfahrt "Sete" entscheiden wir bis hinter Barcelona durchzufahren. Was geschafft
ist, ist geschafft. Ein Dauerstau wegen Autobahnvollsperrung, eine Reifenpanne oder ein
dummer LKW-Fahrerstreik sollen unsere Abfahrzeit mit der Fähre nicht gefährden. Die
schwimmt nämlich nur einmal wöchentlich nach Teneriffa. Aber wir haben Glück. Rollen
pannen- und staufrei an Barcelona vorbei bis nach Burriana. Dort blinkt uns die Leuchtreklame
vom Autobahn-Hotel "La Plana" an. Der Polo wird auf dem Hotel-Hof weggesperrt, ein drei
Meter hoher Maschendrahtzaun soll gegen Langfinger schützen. Wir haben Sorge, weil das
Faltdach einem Schlitzer nicht widersteht. Der Hotel-Portier blickt einmal mehr auf den
überwachungsmonitor, nachdem wir 1000 Peseten über den Tresen geschoben und mit dem
Finger am Bildschirm unser Auto gezeigt hatten.
Wir verlassen am Freitag um neun die Stätte des Wachens und rollen endlich bei wärmeren
Temperaturen und strahlendem Sonnenschein weiter gegeb Süden. Es sind die ersten
Kilometer mit weit geöffnetem Faltdach. Doch nach einer Stunde sind wir genervt, mit
Reisetempo 130 ist das zurückgefahrene Verdeck einfach zu laut.
Granada richtung Sevilla. Die Autobahn wird immer schlechter. Der Polo is voll geladen und
jetzt kommt, was kommen muß: Die Räder gehen an den hinteren Radhauskanten auf
Blechfühlung. Minimal, aber hörbar. In Rechtskurven mit starken Bodenwellen schleift das
linke Vorderrad an die Kunststoffverkleidung im Radhaus. Höchsttempo 80 - langweilig und
strapaziös für die Crew. In die Rückenlehne des Fahrersitzes hatten wir vorsorglich noch eine
aufblasbare Lordosenstütze einarbeiten lassen - sie erweist sich jetzt als Segen fürs Kreuz.
Um 17.30 sind wir kurz vor Sevilla. Wir wollen in die Stadt und abends einen Altstadtbummel
machen. Doch die erste Anfrage im Hotel schreckt ab: "Nein, auch in unserer Tiefgarage
können wir keine Garantie für das Gepäck in ihrem Auto übernehmen - hier in Sevilla wird
unheimlich viel geklaut". Erst eine Hotelanlage am Südrand der Stadt genügt unseren
Sicherheitsvorstellungen. Am Sonnabend rollen wir nur noch knapp zwei Stunden über die
holperige Autobahn an die Südkante Europas. Cadiz empfängt uns mit viel Sonne und Wärme.
Wir haben noch Zeit, etwas Rotwein, Käse und Schinken für die Atlantikpassage einzukaufen.
Pünklich um 18 Uhr legt die Fähre ab. Sie ist stolze 150 Meter lang - trotzdem, auf der langen
Atlantikdünung gerät alles ins Schwanken. Der Wein im Glas, die Passagiere auf den Gängen
und das Wasser im Swimmingpool.
30 Minuten frühe, als im Fahrplan gedruckt, liegt die Fähre an der Pier von Santa Cruz.
Unser Polo ist heil - keine Schrammen, keine Delen. Nur die Patina der Europa-Wetters auf dem
Lack. Der erste Cafe con Leche unter Palmen versöhnt mit den Strapazen dieses Trips. Keine
Frage - es hatte etwas von einer Studenten-Tour. Wobei wir außer Autobahnen nicht viel
gesehen haben. Zurück gehts dann per Charterflug. Sie wissen schon: Nur Fliegen ist schöner...
Aber jetzt nach Puerto de la Cruz!
