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Einleitung
"Eine kostbare Kombination machte die Partie denkwürdig."
Wovon ist die Rede?
Nein, nicht von einem Schachspiel mit seinen im Mittelspiel gewinnbringenden
Kombinationen, was nahe gelegen hätte, sondern von dem Tennisspiel
zwischen Steffi Graf und Venus Williams im Juli 1999.
Zeigt dieses Beispiel doch, und es ist zahlreich zu erweitern, wie lebendig
die Schachsprache ist, wie sehr sie in die verschiedensten Bereiche
des allgemeinen Sprachgebrauchs eingedrungen ist und in welchem Maße
das über 1000 Jahre alte Schachspiel auch heute noch geschätzt
wird.
Ein frühes und buntes Beispiel einer ausdrucksstarken
und variantenreichen Schachsprache ist in den Werken Jean Pauls zu finden,
der in fast all seinen Texten immer wieder auf die Sprache des Schachspiels
zurückgreift und darüber hinaus verschiedene Spielweisen des
Schachs in die Handlungen seiner Erzählungen und Romane, seiner
satirischen Bemerkungen aufnimmt.
Die Geschichte des Schachspiels, das heutige Fernschach (Briefschach),
spielpraktische Theoretiker, den Schachautomaten des Baron von Kempelen
kennt er, selbst schachpsychologische und -philosophische Bemerkungen
können in den Schriften Jean Pauls nachgewiesen werden.
Dazu ist es sinnvoll, daß die Textstellen aus "Jean Paul´s
sämmtliche Werke", die einen Schachbezug aufweisen, in häufig
ungekürzter Länge zitiert werden. Damit ist das reichlich
vorhandene Sprachmaterial in einer Art Gesamtschau für die Leser
ausgebreitet und kann von ihnen kritisch gewürdigt werden, insbesondere
durch solche Leser, die "mehr denken als sehen" möchten,
aber auch, um sich an der Sprache Jean Pauls zu erfreuen.
I. Jean Pauls Schachbiographie
Wenn sich seine Eltern mit dem Pfarrer an Sonntagen trafen, ging es
dem Jungen recht gut, "weil ich wußte, daß sie es für
Sünde hielten, mich früher als nach Sonnen-untergang auszuwichsen
- weil sie nach dem Abendmahl auch das Mittagmahl bei dem Pfarrer nahmen,
und wir folglich das Schachbrett zum Rösselsprung frei hatten".
So erinnert sich Jean Paul in den "Flegeljahren".
Nach Walther Harich ist es Kaplan Völkel gewesen, der in Jean Paul
die Freude und, wie noch zu zeigen sein wird, das lebenslange Interesse
am Schachspiel, genauer wohl auch: an der Sprache des Schachs, weckte.
Kaplan Völkel, Philosophie- und Schachlehrer, "pflegte durch
eine Partie Schach" den Unterricht mit dem 14jährigen Schüler
zu beenden.
Dieser "schwänzt" dann künftig den Privatunterricht,
weil es zu einer versprochenen Partie zwischen ihm und dem "Schachlehrer"
nicht kam. Jean Paul zeigt sich später überrascht, daß
sein Vater ihm das Fernbleiben "schweigend erlaubte".
"[...] aber ich hatte mir wie gesagt, das Schachbret in den Kopf
gesetzt und blieb aus ´weg´."
Eine heftige, trotzige und entschiedene Reaktion des 14jährigen
Jean Paul gegen seinen "Schachantipoden" und "iezt sind
wir nirgends mehr Gegner als auf dem Schachbret."
In einem Brief vom 24. November 1785 schreibt er an Pfarrer Völkel
in Schwarzenbach:
"Mir träumte vor einigen Tagen, ich hätte Sie sechsmal
aus dem Schachfelde mit meinen Officiers geschlagen. Wenn nun Träume
die wirklichen Echos des Wachens sind und der Schlaf nichts als die
Geschichte des Tages wiederholet: so hab´ ich Grund zu glauben,
daß die geträumten Siege wirkliche zum Voraus sezen und daß
Sie nicht so gut spielen als es zuweilen scheint[...]"
Der 22jährige hatte also einen wirklichen Schachgegner, den er
über Jahre hinweg mit großem Ehrgeiz auf dem "Schachbret"
so bekämpfte, daß ihn dieses spannende Spiel selbst im Traum
verfolgte. Andererseits erkennt Jean Paul die besonderen Kräfte
eines Traumes, nämlich, daß ein Traum nicht bloßer
Reflex des Tages ist, sondern weiß vielmehr von "der Phanthasie
des Traumes", daß sie "gern rochiert; und versetzt".
Wenn nun der Begriff der Rochade hier im Sinne des Versetzens von König
und Turm auf den Traum angewandt wird, der Wirklichkeit und Wunsch versetzt,
so ließe sich schlußfolgern, daß der Dichter eben
nicht in Wirklichkeit gegen Pfarrer Völkel gewinnen konnte, sondern
die häufigen Verluste im Schachspiel nur schwer verschmerzte.
II. Jean Paul und der Schachautomat des Baron von Kempelen
Zu seiner schriftstellerischen Tätigkeit gehört selbstverständlich
die Aufnahme und satirische Begleitung gesellschaftlicher Ereignisse,
gehört eine der gesellschaftlichen Sensationen des 18. Jahrhunderts,
der Schachautomat des Baron von Kempelen. In der "Auswahl aus des
Teufels Papieren" (von 1789), dem Bittgesuch "der Spieler
und Damen gegen die Einführung der Kempelischen Spiel- und Sprachmaschinen"
heißt es:
"Es ist als zu wol bekannt, daß vor einger Zeit zwei sonderbare
Maschienen, wovon die eine spielte und die andere sprach, die große
Tour durch Europa machten, und in den besten Städten abstiegen.
Herr von Kempele leistete beiden Europasfahrern als Spiel- Sprach- und
Hofmeister auf ihren Reisen so gut Gesellschaft als er konnte, und machte
nicht wie tausend schlechtere Hofmeister ein Geheimniß daraus,
daß er seine Eleven selbst gemacht. Indessen konnte doch niemand
dazu ein besonderes saures Gesicht machen, da zumal diese Maschienen
Jung und Alt durch ihre Uneigen-nützigkeit völlig hinrissen;
denn es ist keine Erdichtung, sondern von hundert Zeugen bestätigt,
daß sie von den ansehnlichen Summen, die ihnen für ihr Reden
und Spielen einliefen, keinen Pfennig für sich behielten, sondern
alles ihrem armen Vater, dem Herrn von Kempele ohne Überwindung
zusteckten.
Zum Schaden der halben alten Welt gefiel dem letztern diese Schenkung
unter den Lebendigen ganz."
Kritik, Satire und Spott mischen sich auch in den folgenden Bemerkungen,
aus dem Jahre 1790, zum Schachautomaten und seinem Erbauer, Baron von
Kempelen, indem er den "Gewinn", den der Baron aus dieser
Europatournee zog, mit einem einzigen Verb treffend beschreibt:
"Aesse H. v. Kempele und seine Schachmaschine; sich noch durch
die europäischen Hotels hindurch: so könt´ ich bei ihr
hundert Responsa einholen, wo Sie wären und worüber. Die muhamedanische
Maschine würde mir doch wahrhaftig mit dem Stäbgen langweilig
vorbuchstabieren, was Sie iezt lesen, ob einen Ring - oder den H. Marezoll
- oder einen Rokknopf, oder ein Strumpfband oder das vorige Monat dieses
Journals?"
Das Pasquil richtet sich natürlich in der Hauptsache an "die
schönste Frau in Deutschland", welche Leserin fühlt/fühlte
sich da nicht zunächst angesprochen, kritisiert u.a. Zeiterscheinungen
der Mode ("Ich hätt´ es ohnehin vor meinen Augen, wenn
ichs beichtete, daß Sie Ihren Busen plombieren und einen so schönen
Inhaftaten mit Brustwehren von Flor und Drath blokieren." S. 225),
aber en passant wird die Schachmaschine in dieser Kritik der Modeerscheinungen
"geschlagen".
Wohl bekannt ist ihm dieser Automat schon vor 1785. Seine Schrift [Menschen
sind die Maschinen der Engel], etwa 1785 entstanden, zu seinen Lebzeiten
nicht veröffentlicht, zeigt seine kritische Distanz zu dem Schachautomaten,
in dem sich ein Mensch verbarg, und zu dem Jahrhundert, das auch das
der Automaten genannt wurde. Das mechanistische Weltbild seiner Zeit
teilte er nicht, betonte ausdrücklich, daß es der Mensch
sei, der hinter den Maschinen als Verursacher und Beweger stehe und
auch Weltgeschichte bewirke, wie er in seinen Gedanken an D. Viktor
ausdrückt:
"Ich konnte den Traum noch mechanischer behandeln; aber mein Genius
ruft mir überhaupt zu: Gleich der Schachmaschine; rollet die Weltmaschine
mit lauten Rädern um, aber eine lebendige Seele verbirgt sich hinter
den mechanischen Schein."
Herauszufinden und zu beweisen, ob der Automat ein rein mechanischer
sei oder ob sich ein Mensch in ihm verberge, darüber wurde diskutiert
von Professoren der Mathematik, z. B. Carl Friedrich Hindenburg und
Johann Jacob Ebert, die der Auffassung waren, es handele sich um einen
wahren Automaten. Andere, Lichtenberg, Böckmann und Nicolai sowie
der Freiherr Joseph Friedrich zu Racknitz, hingegen meinten, der sogenannte
Türke, der Schachautomat, sei ein Betrug deswegen, weil sich mit
Bestimmtheit darin ein Mensch verborgen halte.
Ob Jean Paul diese oder andere Schriften seiner Zeit zum Baron von Kempelen
bekannt waren, entzieht sich meiner Kenntnis. Nachzuweisen ist lediglich,
daß er das "Journal von und für Deutschland" gelesen
hat. Er spöttelt und amüsiert sich über die dort gemachte
"Bekanntmachung" der Schrift Adam Gottfried Wetzels:
"Es ist mir übrigens recht gut <so gut als iedem> bekant,
daß unbedeutende Publizisten in Regenspurg ein sehr schmales Traktätgen
könte[n] drucken lassen, worin man die Maschinenhaftigkeit unserer
Staaten ganz gut bestritte und sich nichts daraus machte, am Ende auf
den Saz zu fallen, daß einige von ihnen gleich der Schachmaschine
des Kempele; ihre unzähligen Räder, Walzen, Gewichte und Rollen
wirklich blos zum Spas und Schein und dazu hätten, um eben zu verbergen,
daß ein Kind allein die Hand im Spiele habe: allein da in beiden
die Räder und alle Gelenke einer Maschine, obgleich ohne Nuzen,
doch da sind, so beweiset der Einwurf ia nicht, daß sie keine,
sondern hoffentlich nur daß sie elende Maschinen sind."
Manches kann man vielleicht Jean Paul nachsagen, aber nicht, daß
er dem sogenannten "Zeitgeist", dem mechanistischen Weltbild
aufgesessen sei. Auch wenn sich in der Maschine kein "Kind"
befand, so bleibt er bestimmt bei seiner Meinung, daß sich eine
"Seele", eine menschliche, verberge. Die Welt, der Staat und
die Menschen sind eben nicht "seelenlose" Maschinen und gegen
die Unfreiheit im absolutistischen System und des höfischen Lebens
seiner Zeit setzt er auf sich selbst bestimmende Menschen. Die alten
Staaten seien noch "Staatseelen"gewesen, kritisiert er unter
Bezug auf den "Staatkörper" in seiner "Frieden-Predigt
an Deutschland gehalten", bedauert den politisch gewollten und
durchgesetzten Verzicht auf "jedes Frei-Geistige"
"alles dieß, was dem Deutschen Reichkörper so wenig
Reichseele [...] eingeblasen und was ihm so sehr alle Einheit des Lebensgefühls
genommen [...] alles dieß, womit sich, was das deutsche Reichkabinett
zu einem Modellkabinett von Maschinen macht, und selber die Maschinengötter
wieder zu Maschinen und den Staatherren zu einem hölzernen Kempele´s
Schachspieler; der lebendige Unterthanen auf dem Schachbrete seines
Territoriums ruhig hin und wieder stellt und zieht - alles, womit wir
dem Vogel Strauß ähnlich wurden, [...] dieses Deutschen-Uebel
werden die Beispiele und die Folgen der Zeit, und die Nähe und
die Einwirkung einer im politischen Leben so begeisterten Nazion (gemeint
ist die französische, d. Verf.), wie wir im dichtenden,
zu brechen dienen."
Auch hier der Rückgriff auf die Sensation des ausgehenden 18. Jahrhunderts
- den Schachautomaten des Baron von Kempelen.
Wie aktuell noch im Jahre 1999 zu lesen, in dem die mangelnde "Einheit"
zwischen Ost- und Westdeutschland beklagt wird. Deutlich zeigt sich
an dieser Stelle der Aufklärer Jean Paul, mit dem man auch heute
noch gegen die alles dominierende kapitalistische Rationalität
argumentieren könnte.
III. Schachgeschichtliches im Werk Jean Pauls
Es ist nach den bisherigen Bemerkungen nicht sehr verwunderlich, daß
Jean Paul in der "Unsichtbaren Loge": Erster Sektor. Verlobung-Schach,
seinem 1793 erschienenen Roman, in einer wohlbekannten und ausführlichen
Textpassage in vielfältigster Form sowohl auf die Traditionen wie
auch die Formen des Schachspiels eingeht.
Sie sei hier, wegen ihres besonderen schachlichen Gehalts, ausführlich
zitiert:
"Meines Erachtens war der Obristmeister von Knör blos darum
so unerhört aufs Schach erpicht, weil er das ganze Jahr nichts
zu thun hatte als Einmal darin der Gast, die Santa Hermandad und der
theure Dispensazionbullen-Macher der Wildmeister zu sein. Der Leser
wird freilich noch von keiner so unbändigen Liebhaberei gehört
haben, als seine war. Das Wenigste ist, daß er alle seine Bediente
aus dem Dorfe Strehpenik verschrieb, wo man durch das Schach so gut
Steuerfreiheit gewinnt als ein Edelmann durch seinen sächsischen
Landtag, damit er (obwol in anderem als katonischen Sinne), eben so
viele Gegner als Diener hätte - oder daß er und ein Oberysselscher
Edelmann in Zwoll mehr Postgeld verschrieben als verreiseten, weil sie
Schach auf 250 Meilen nicht mit Fingern sondern Federn zogen - Auch
das kann man sich gefallen lassen, daß er und die Kempel´sche
Schachmaschine Briefe mit einander wechselten und daß des hölzernen
Moslems Konviktorist und Adjudant, Hr. v. Kemple, ihm in meinem Beisein
aus der Leipziger Heustraße im Namen des Muselmanns zurückschrieb,
dieser rochiere - Man wird seine Gedanken darüber haben, daß
er noch vor 2 Jahren nach Paris abfuhr, um ins Palais Royal und in die
Sociéte du Sallon des Echecs zu gehen und sich darin als Schachgegner
niederzusetzen und als Schachsieger wieder aufzuspringen, wiewol er
nachher in einer demokratischen Gasse viel zusehr verprügelt wurde,
da er im Schlafe schrie: gardez la Reine - Blos frappieren kann´s
einen und den anderen, daß seine Tochter ihm nie einen neuen Hut
oder eine neue Soubrette, die ihn ihr ansteckte, anders abgewann als
zugleich im Schach - - Aber, darüber wundert und ärgert sich
alles was mich lieset, Leute von jedem Geschlecht und jedem Alter, daß
der Obristmeister geschworen hatte, seine Tochter keiner andern Bestie
in der ganzen Ritterschaft zu geben, als einer, die ihr außer
dem Herzen noch ein Schach abgewänne - und zwar in sieben Wochen.
Sein Grund und Kettenschluß war der: "ein guter Mathematiker
ist ein guter Schachspieler; also dieser jener - ein guter Mathematiker
weiß die Differenzialrechnung zehnmal besser als ein elender -
und ein guter Differenzialrechenmeister versteht sich so gut als einer
aufs Deployieren und Schwenken und kann mithin seine Kompagnie (und
seine Frau vollends) zu jeder Stunde kommandieren - und warum sollte
man einem so geschickten, so erfahrnen Offizier seine einzige Tochter
nicht geben?
- Der Leser hätte sich gewiß sogleich ans Schachbret; gesetzt
und gedacht, der Zug einer solchen Quaterne aus dem Brete wie die Tochter
eines Obristmeisters ist, sei ja außerordentlich leicht; aber
er ist verdammt schwer, wenn der Vater selbst hinter dem Stuhle passet
und der Tochter jeden Zug angibt, womit sie ihren König und ihre
Tugend gegen den Leser decken soll. [...]
Ob man gleich in jedem Falle Teufelsnoth mit einer Tochter hat, man
mag Abonennten an sie anzulocken oder abzutreiben haben: so hatte doch
Knör bei der Sache seinen wahren Himmel auf Erden - unter so vielen
Rittern, die sämtlich seine Ernestine bekriegten und verspielten.
[...]
Aber ich und der Leser wollen über die ganze spielende Kompagnie
wegspringen und uns neben den Rittmeister von Falkenberg stellen, der
bei dem Vater steht und auch heirathen will. Dieser Offizier - [...]
Er haßte nichts so sehr als Schach und Herrnhutismus; indessen
sagte Knör zu ihm, "Abends um 12 Uhr fingen, weil er so wollte,
die sieben Spiel-Turnierwochen an, und wenn er nach 7 Wochen um 12 Uhr
die Spielerin nicht aus dem Schlachtfelde ins Brautbette hineingeschlagen
hätte: so thät´ es ihm von Herzen leid, und aus der
achtjährigen Erziehung brauchte dann ohnehin nichts zu werden,"
Die ersten 14 Tage wurd´ in der That zu nachlässig gespielt
und - geliebt. [...]
Wenn die beiden jungen Leute am Schachbret; saßen, das entweder
ihre Scheidewand oder ihre Brücke werden sollte: so stand der Vater
allemal als Marqueur dabei; es war aber wirklich nicht nöthig -
nicht blos weil der Rittmeister so erbärmlich spielte und seine
Gegenfüßlerin so philidorisch; auch darum nicht, weil ihr
die weibliche Kleiderordnung ohnehin verbot, matt oder verliebt zu werden
(denn am Ende kehren Weiber und Ruderknechte allzeit eben den Rücken
dem Ufer zu, an das sie anzurudern streben) - sondern aus einem noch
sonderbarern Grunde war der Auxiliarforstmeister zu entrathen: die Ernestine
wollte nämlich um alles gern schachmatt werden und eben deswegen
spielte sie so gut. [...] in fünf Wochen konnte der Werbeoffizier
nicht Einmal sagen: Schach der Königin. Die Weiber spielen ohnehin
dieses Königspiel; (wie andre Königspiele) recht gut [...]
Wäre die Liebe des Rittmeisters von der Art der neuern gigantischen
Liebe gewesen, [...] so wäre das Wenigste, was er hätte thun
können, das gewesen, daß er auf der Stelle des Teufels geworden
wäre; so aber wurd´ er blos - böse, nicht über
den Vater, sondern über die Tochter, und nicht darüber, daß
sie das Schachbret; nicht zum Präsentierteller ihrer Hand und ihres
Herzens machte, oder daß sie gut gegen ihn spielte, sondern darüber,
daß sie so sehr gut spielte. So ist der Mensch, und ich ersuche
den Menschen, meinen Rittmeister nicht auszulachen. Freilich - hätt´
ich die weiblichen Reize und die Rolle Ernestinens gehabt und hätt´
ich ihn, indess er seine Kontraapproche aussann, ins betretne Gesicht
geschauet, auf dessen gerundetem Munde der Schmerz über unverdiente
Kränkung stand, der so rührend an Männern von Muth aussieht,
sobald ihn nicht die Gichtknoten und Hautausschläge der Rache verzerren:
so wär´ ich roth geworden und wäre wahrhaftig gerade
zu mit der Königin (und mir dazu) ins Schach hineingefahren: denn
was hätt´ich da geliebt als strenge Selberbüßung?"
Ernestine schreibt nun Briefe an eine Freundin
S. 21:
"Da ich durch das Ehepaar, von dessen Verlobung durch Schach und
Katze wir sämmtlich zurückkommen, mir in 9 Monaten den Helden
dieses Buches abliefern lasse: [...]"
S. 23:
"Allein da ich mich gestern zum Unglück mit dem Vorsatze ins
Bett legte, heute morgen das Schach- und Ehepaar; mit drei Federzügen
aus dem Brautbette ins Ehebette zu schaffen, das 19 Stunden davon steht,
nämlich im Falkenbergischen Auenthal - [...]"
S. 28f, Dritter Sektor oder Ausschnitt.
"Jetzo geht erst meine Geschichte an; die Szene in Auenthal oder
vielmehr auf dem Falkenbergischen Bergschlosse, das einige Ackerlängen
davon lag. Das erste Kind der Schachamazone; und des sterbenden Fechters
und Rittmeisters im Schach, war Gustav, welches nicht der erhabene schwedische
Held ist, sondern meiner. [...]
Der Leser muß nämlich aus seinem ersten Sektor noch im Kopfe
haben, daß die herrenhutisch gesinnte Obristforstmeisterin von
Knör ihre Tochter Ernestine nur unter der Bedingung sich selber
durch das Schach ausspielen ließ, daß der gewinnende Bräutigam
in den Ehepakten verspräche, das erste Kind acht Jahre unter der
Erde zu erziehen und zu verbergen, um dasselbe nicht gegen die Schönheiten
der Natur und die Verzerrungen der Menschen zugleich abzuhärten."
Der Obristforstmeister von Knör scheint dem Schachspiel verfallen
zu sein. Er will seine Tochter nur demjenigen zur Frau geben, der diese
im Schach besiegt. Dies gelingt dem Rittmeister von Falkenberg in einem
mehrere Wochen andauernden Schachkampf nicht, da dieser das Schachspiel
haßt. Ernestine, die Tochter des Obristforstmeisters, verliebt
sich in den Rittmeister und mit Hilfe einer List gelingt es ihr, den
Rittmeister "aus dem Schlachtfelde ins Brautbette" hineinzuspielen.
Jean Paul greift in dieser Szene, dem Spiel zwischen Mann und Frau oder
um eine Frau - um die Ehe, die Liebe zur Frau auf eine bis ins Mittelalter
zurückgehende literarische Tradition zurück, daß der
Mann als Schachsieger zum Lohne die Dame, die Frau heiraten dürfe.
So sollen, der Legende nach, der Ritter Garin de Montglane und die Königin
Galienne am Hofe Karls des Großen miteinander Schach gespielt
haben. Die Königin verliebte sich in Garin, dieser jedoch verschmäht
ihre Liebe. Daraufhin soll der Ritter mit Karl dem Großen Schach
spielen - verliert er, so verliert er auch den Kopf, gewinnt er, so
auch die Krone und die Königin.
Schachhistorikern und auch Schachspielern ist heute noch, ähnlich
wie Jean Paul, das Schachdorf Ströbeck im Harz bekannt. Auch dieses
damals wie heute berühmte Schachdorf verwendet Jean Paul, um den
Vater von Ernestine als einen durch und durch dem Schachspiel verfallenen
Menschen zu beschreiben, da sogar seine Bediensteten aus diesem Dorf
herkamen, nicht so sehr, um Diener zu haben, sondern vielmehr sah er
in ihnen würdige Schachgegner ganz nach seiner Wahl:
"Das Wenigste ist, daß er alle seine Bediente aus dem Dorfe
Strehpenik verschrieb, wo man durch das Schach so gut Steuerfreiheit
gewinnt als ein Edelmann durch seinen sächsischen Landtag, damit
er (obwol in andrem als katonischen Sinne), eben so viele Gegner als
Diener hätte - [...]"
Ob der Dichter von diesem berühmten Dorf "Strehpenik"
aus eigener Anschauung auf seinen Reisen, aus Erzählungen oder
aus Zeitschriften der Zeit Kenntnis erhalten hatte, ist unbekannt.
III.1. Briefschach
Obristmeister von Knör, dieser Schachenthusiast, spielte auch mit
Gegnern, die räumlich von ihm getrennt waren, und zwar mit einem
Oberysselschem Edelmann aus Zwolle, "weil sie Schach auf 250 Meilen
nicht mit Fingern sondern Federn zogen". Diese nach heutigen Begriffen
gespielte Fernschachpartie kostete die beiden Spieler, Jean Paul übertreibt
hier, indem er ironisch anmerkt, mehr als das Reisegeld, was sie wohl
benötigt hätten, um sich direkt gegenüber zu sitzen.
Aber nicht nur das, von Knör spielte auch Briefschach mit dem Schachautomaten,
der, dem Text zufolge, in Leipzig in der Heustraße gestanden haben
soll. Dem Schachspieler Jean Paul ist scheinbar auch der Zug des Automaten
bekannt: "dieser rochiere", also der unter bestimmten Bedingungen
erlaubte Wechsel von König und Turm (0-0, nach heute gebräuchlicher
Notation). Es ist unwahrscheinlich, daß sich der Dichter hier
an historische Fakten hält.
Der dem Dichter bekannte Johann Jakob Wilhelm Heinse (1746 - 1803),
dieser schrieb u.a. "Ardinghello und die glücklichen Inseln",
hat mit seinem Freund Friedrich Maximilian Klinger offensichtlich im
Jahre 1777 Briefschach gespielt, was, vorsichtig formuliert, darauf
hindeutet, daß das Briefschach einigen Literaten des 18. Jahrhunderts,
u.a. Jean Paul, wohlbekannt gewesen sein muß.
Ein Freund des Briefschachs scheint Jean Paul im Gegensatz zu seiner
literarischen Figur von Knör nicht gewesen zu sein. In einem Brief
an Pfarrer Vogel in Rehau, geschrieben in Hof, 26. Juli 1783, erteilt
er dem Pfarrer unmißverständlich eine Absage auf dessen Wunsch
hin, mit ihm doch Schachzüge durch Briefe zu wechseln.
"Warum wolten wir, gleich gewissen holländischen Kaufleuten,
durch Briefe Schach spielen und uns der Unbequemlichkeit aussezen, erst
durch die Post erfaren zu können, wie der Gegenpart das neuliche
Schach dem König ausparirt habe, da wir den Spas an Einem Tische
vornemen können. - Freilich wird durch Briefe das Spielen erleichtert,
aber auch verlängert."
Dieses sein Lieblingsspiel wünschte der Dichter, nach Walther Harich,
nur mit einem persönlich anwesenden Partner zu spielen. Vielleicht
fehlte es ihm aber auch an der Geduld zur Analyse einzelner Züge,
die das Fernschachspiel (ein Antwortzug hat in der Regel drei Tage Zeit,
die Postlaufzeiten nicht mitgerechnet) ermöglicht und fordert.
Über die Spielstärke Jean Pauls teilt W. Harich mit, daß
"er es auch später darin zu keiner besonderen Fertigkeit brachte".
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Vintern
1913-14 företog en viss schackmästare Albin en simultanturné
i Sverige, bl.a. gästades Stockholm, Göteborg, Eskilstuna,
Linköping, Borås, Helsingborg och Lund.
I Hans-Åke Cedersunds nyligen utkomna förnämliga
monografi "Linköpings Allmänna Schacksällskap 1901-2001"
finns på s. 63 ett gruppfoto från den 14 januari 1914 visande
ett antal mestadels äldre herrar samt en yngre stilig, mörkhårig
mustaschprydd, elegant klädd man med stärkkrage, vitt skjortbröst,
sidenkravatt, styva manschetter och armband kring handleden - av bilden
att döma en äkta dandy i ledig, självsäker pose.
Enligt minnesskriften hade man fått "...en
celeber gäst, en viss professor Albin från Wien. Man kan
naturligtvis spekulera om det verkligen var den Albin vi känner
från motgam-biten som bär hans namn och som var från
Wien. Det som gör oss tvekande kring mannens identitet är
att motgambit-Albin föddes redan 1848 ...". Inga ytterligare
uppgifter om denne Albins gästspel i Linköping står
att finna i minnesskriften. Vi återkommer senare till frågan
om hans rätta identitet.
Härnäst dyker denne Albin upp i en notis
i Göteborgs Handels- och Sjöfarts-Tidning den 28 januari 1914.
Det är tidningens schackredaktör, Joel Fridlizius, som i ett
s.k. brevlådesvar till signaturen Vetus skriver: "Professor
Albin", som under en månads tid gästat skilda schackklubbar
här uppe i Skandinavien, lär vara en son till den gamle schackmästaren
Albin i Wien, känd bl.a. genom flera intressanta öppningsvarianter,
som bära hans namn. Vad den unge är "professor"
i, veta vi verkligen inte, men schack tycks det åtminstone inte
vara, ty i Stockholm besegrades han grundligt av hr Nyholm och lär
sedan ej haft vidare lust att spela enkelpartier. Det var på tal,
att han i vår goda stad (Göteborg) skulle gett uppvisning
inom gamla Schacksällskapet, men då dettas medlemmar ännu
hade i friskt minne hur svårt Marshall, Amerikas champion, haft
att reda sig här, ville Sällskapets styrelse klokt nog ej
utsätta schackvärlden för vådorna av en simultanföreställning"
. (not 1)
Joel Fridlizius (1869-1963), GHTs schackredaktör,
till yrket folkskollärare, var ett stort namn i det tysta i den
svenska schackhistorien, internationellt berömd problemist och
domare, en objektiv och sansad person - som spelare Lkänd bl.a.
för sin seger över Aljechin i Stockholm 1912 - av många
i början av seklet betraktad som ett världsmästarämne.
Av sina schackkolleger i Stockholm hade Fridlizius
sannolikt underrättats om att Albins framgångar där
varit mycket begränsade, vilket kanske är förklaringen
till att denne och hans simultanturné genom Sverige inte med
ett ord finns omnämnd i Tidskrift för Schack. Det kan även
förklara Fridlizius rätt syrliga uttalanden i brevlådesvaret
i GHT den 28 januari.
I Helsingborgs Dagblads schackspalt den 1 februari
1914 var det Fridlizius tur att bli påhoppad. Schackredaktören
H. Östberg skriver:
"Vid sista Trebitschturneringen eröfrades
6:te priset av den 68-årige A. Albin, fader till prof. Albin,
som f.n. gästar Sverige."
"Prof. Albin spelade den 20 dennes i Borås
mot 33 spelare. Resultatet: +24 -1 =8. Hr Albin, som sistlidne torsdag
i Lunds schackklubb spelade tolv simultanpartier och efter ej fullt
två timmars spel ernådde +10 -1 =1, afreste i fredags till
Södern."
"Under sin turné i Sverige har hr Albin
gästat 10 olika schackklubbar och vid sina simultanuppvisningar
ernått det vackra resultatet +161 -30 =41. Anmärkas bör,
att i de tvenne uppvisningarna i Stockholm deltogo hufvudstadens allra
bästa spelare, såsom Nyholm, Englund, Löwenborg m.fl.
och likväl ernådde hr Albin vid dessa uppvisningar +26 -14
=15. Synnerligen vackert var resultatet i Eskilstuna, där eskilstunaborna
blott kunde inregistrera tre vinstpartier efter fyra timmars spel. Mot
samma spelare förlorade Tarrasch 8(!) partier efter 8 1/2 (! !)
timmars spel.
"Vid sin afresa från Sverige ber prof. Albin
att till samtliga svenska schackvänner få uttala sitt hjärtligaste
tack för den stora älskvärdhet och välvilja, som
kommit honom till del i 'förbudslandet' Sverige." (not 2)
"Den 'skandinaviske mästaren' Joel Chronskoug
är ej nöjd med prof. Albins prestationer i Sverige. Han bör
kanske erinras om de tvenne enskilda förlustpartier han spelade
mot Albin, som även i simultanuppvisning med stor lätthet
besegrade nämnde Chrounskoug. Man förstår lätt
hvarför hr Chronschoug ej är nöjd med Albin!!"
Påståendet att Stockholms "allra bästa
spelare såsom Nyholm, Englund, Löwenborg m.fl." skulle
ha deltagit i Albins simultanuppvisningar får troligen tas med
en nypa salt (jfr GHT-spalten 28 jan "... ty i Stockholm besegrades
han [Albin] grundligt av hr Nyholm och lär sedan ej haft lust att
spela enkelpartier. "
"Joel Chronskoug" (även"Chronschoug",
stavningen varierar i schackspalten), detta smädenamn, som avser
att likställa Fridlizius med den i August Bondesons riksbekanta
parodi "Skollärare John Chronschoughs memoarer" (1897-1904)
"kvasilärde uppkomlingen som prålar med halvkulturens
fernissa, dumdryg, pedantisk, i sin småförträfflighet
och självgodhet totalt utan humor", tyder på att redaktör
Östberg i Helsingborgs Dagblad hade ett horn (ett ganska spetsigt
sådant) i sidan till Fridlizius.
En som däremot tog parti för Fridlizius var
sekreteraren i Skånes Schackförbund, den kände studiekompositören
Gustaf Ling. Han sände Östbergs schackspalt till Fridlizius
med följande handbrev:
"Lund den 1/2 1914
H. Herr J. Fridlizius!
Edra uttalanden om "schackmästaren" Albin i sista schack
spalten i GHT ha fallit i god jord, hvilket synes af medföljande
tidningsurklipp (Östbergs schackspalt 1 feb i HD). Jag har tagit
mig friheten att sända Eder blasket för att Ni, om Ni öfverhufvud
vill befatta Eder därmed, må bli i tillfälle att omedelbart
åthuta denna blandning af dumhet och perfiditet.
Högaktningsfullt G. Ling" (not 3)
Parallellt med Östbergs påhopp mottar Fridlizius
en salva från Albin själv i ett på tyska avfattat handbrev:
"Grand Hotel Lund Lund den...191...(ca 1 feb 1914)
Herr Fridlirius!(sic)
En god vän gav mig nyss ett tidningsklipp som visar vilken eländig
bakdantare Ni är. I Göteborg spelade jag många individuella
partier, som jag också vann, och den-[oläsligt ord]) skandinaviske
mästaren förlorade ju fyra partier!!
Era stympare, man kan ge er allihop torn i förgåva, och mot
Er själv hade jag ju torn mera när jag gav simultan, storskrävlare
där!
Om Ni hyste några tvivel beträffande min person, varför
sa Ni inte det genast så att jag kunde ha gett Er ett par ordentliga
örfilar!
Ert handlingssätt gentemot mig, som för 15 kronor spelade
med herrarna hela kvällen, är en nedrig människas, inte
värdigt en folkskollärare.
Jag är professor i språk!!! och tillräckligt stark schackmästare
för att ta mig an Göteborgs schackstympare!
Tacka Gud för att jag inte är i Göteborg nu och kan ta
itu med Er för Era ärekränkande skriverier.
Om Ni vill, får Ni gärna publicera de här raderna.
Prof. Ad. Albin, Jun." (svensk översättning av Rolf Littorin)
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